Am 12. September 2020 fand auf Schloss Horneck die 52. Jahrestagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) statt, die in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Oldenburg (BKGE) durchgeführt und von der Kulturreferentin für Siebenbürgen gefördert wurde. Dass diese Jahrestagung überhaupt stattfinden konnte, war lange ungewiss. Doch schließlich wurde nach intensiver Abwägung entschieden, sie nicht abzusagen, sondern wie geplant als Präsenzveranstaltung vor Ort durchzuführen, wenn auch mit pandemiebedingten Einschränkungen und natürlich unter strikter Einhaltung aller erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen.
So wurde die Teilnehmerzahl von vornherein auf 25 begrenzt, da nur so ein ausreichender Sicherheitsabstand bei der Bestuhlung des Jugendstilsaals auf Schloss Horneck eingehalten werden konnte. Während der gesamten Veranstaltung, auch während der Vorträge im Saal, bestand Maskenpflicht, von der lediglich die Referenten für die Dauer ihres Vortrags befreit waren. Alle Saaltüren blieben für die Dauer der Veranstaltung offen und in den Pausen wurden die Fenster geöffnet, so dass auch auf eine ausreichende Belüftung geachtet werden konnte. Alle Teilnehmer hielten sich vorbildlich an die Vorsichtsmaßnahmen und begegneten den Einschränkungen unaufgeregt und mit erkennbarer Routine. So konnte die Jahrestagung mit daran anschließender Mitgliederversammlung als wichtigstes Ereignis im Jahreskalender des AKSL und als Angebot an die Mitglieder zur direkten Begegnung untereinander, mit dem Vorstand und der Geschäftsführung trotz der schwierigen allgemeinen Situation angemessenen und reibungslos durchgeführt werden. Dafür sei allen Organisatoren, Helfern und natürlich Teilnehmern an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt.
Das Thema der Jahrestagung lautete „Die Gründerzeit im Karpatenbogen – Die Industrialisierung Siebenbürgens 1867-1918“. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik sowie Skizzierung des historischen Kontexts jener Zeit durch Gerald Volkmer, beschrieb dieser in seinem Beitrag „Ökonomische und politische Netzwerke siebenbürgisch-sächsischer Gründerzeitindustrieller“ personelle und strukturelle Verflechtungen unter den wichtigsten Industriellenfamilien und Großunternehmen jener Zeit. Anhand der sechs größten Kronstädter Unternehmen jener Zeit verdeutlichte er, wie die betreffenden Familien neben ihrer unternehmerischen Leistung solche Netzwerke schufen. Dabei ging es nicht nur um die Sicherung der eigenen Nachfolgeregelung, sondern auch um die strategische Positionierung von Familienmitgliedern in anderen sächsischen Großunternehmen oder Banken sowie um Verbindungen in die sächsische Politik. Stéphanie Danneberg konnte wegen kurzfristiger Verhinderung ihren Beitrag „Interaktion und Abgrenzung zwischen rumänischen und sächsischen Gewerbeorganisationen in Hermannstadt und Kronstadt“ nicht selbst halten. Stattdessen verlas Gerald Volkmer eine Zusammenfassung ihrer Dissertation, die dem Vortrag zugrunde lag. Danneberg untersuchte in ihrer Arbeit, wie durch die Magyarisierungspolitik Ungarns nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 und die dadurch bedingten veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse in Handel und Gewerbe die Wirtschaftspolitik bei Sachsen und Rumänen ins Zentrum deren Nationalpolitik rückte. Die verstärkte wirtschaftspolitische Selbstorganisation innerhalb beider Gruppen erscheint dabei als Mittel der eigenen nationalen Selbstbehauptung, in deren Folge wirtschaftliche Konkurrenzsituationen in ethnosoziale Konflikte umgedeutet wurden und ein beiderseitiger Wirtschaftsnationalismus entstand.
Hellmar Wester illustrierte mit seinem Vortrag „Siebenbürgische Wirtschaftsgeschichte der Gründerzeit im Spiegel der Aktien: Industriebetriebe, Banken, Infrastruktur“ das zuvor Gesagte und zeigte zahlreiche Aktien und andere Wertpapiere. Dabei wies er nicht nur auf deren dokumentarische sowie wirtschaftshistorische Bedeutung hin, sondern auch auf deren regionalspezifische grafische und ästhetische Gestaltung. Mit über zweitausend historischen Wertpapieren zu Siebenbürgen hat der Referent eine der größten Sammlungen dieser Art zusammengetragen, die er 2018 auf Grundlage eines Schenkungsvertrags dem AKSL für das Siebenbürgen-Institut überließ. Die diese großartige Sammlung überhaupt erst ermöglichende Leidenschaft zum Thema war dabei sowohl dem Vortrag wie auch dem Referenten anzumerken.
Eine Illustrierung anderer Art bot Volker Wollmann in seinem Beitrag „Das siebenbürgisch-sächsische materielle Industrieerbe der Gründerzeit im Lichte historischer und aktueller Aufnahmen“. Anhand zahlreicher historischer und aktueller Fotografien sowie historischer Ansichtskarten dokumentierte der Referent nicht nur Industrie- und Gewerbeeinrichtungen jener Zeit, sondern bot auch Einblicke in damalige Produktionsanlagen und -einrichtungen sowie die Innenausstattungen größerer und kleinerer Gewerbebetriebe. Einige jener Gebäude der Gründerzeit sind bis in die Gegenwart erhalten geblieben, andere wurden zerstört, abgetragen oder dem Verfall preisgegeben. Praktisch keines der erhaltenen Industriedenkmäler wurde jedoch in das nationale Denkmalverzeichnis Rumäniens übernommen.
Nach den Vorträgen lud Konrad Gündisch, Vorsitzender des „Siebenbürgischen Kulturzentrums Schloss Horneck e.V.“, zu einer Begehung des umgebauten Schlosses ein. Davor erläuterte er den Teilnehmern den Umbau sowie damit verbundene Herausforderungen, die Umstände, die zu Erwerb und Umbau des Schlosses führten und die integrierte Nutzung als Begegnungs- und Kulturzentrum mit Schlosshotel, Siebenbürgischem Museum sowie Siebenbürgen-Institut mit Bibliothek und Archiv.
Die nächste Jahrestagung des AKSL wird 2021 in Weißenfels an der Saale in Zusammenarbeit mit den Sektionen Naturwissenschaften und Volkskunde/Kulturgeschichte stattfinden.
